Wie viel Hypnotiseur braucht ein Klient eigentlich wirklich?

Katrin Winkelmann lacht und zeigt mit der Hand die Augenhöhe an

Ich glaube, ich habe die Antwort gefunden – obwohl ich mir gar nicht sicher bin, ob es wirklich meine eigene Erkenntnis ist oder ob es mir schon mal jemand erklärt hat und ich es selbst bloß jetzt erst bewusst verstanden habe.

Dieses Phänomen erwähne ich immer gleich am Anfang der Hypnoseausbildung.

Jede Sekunde unseres Lebens wird in unserem Unterbewusstsein gespeichert. Wir haben nur nicht auf alles bewusst Zugriff.

Ich sage meinen Schülern dann sinngemäß:

„Auch alles, was ihr hier im Seminar erlebt, jedes Wort, alles, was hier passiert, wird natürlich in eurem Unterbewusstsein gespeichert. Ihr werdet nach dem Seminar einfach nur nicht bewusst auf alles zugreifen können.

Und wenn ihr später ins Tun kommt, kann es passieren, dass ihr plötzlich eine Idee habt, wie ihr mit einem Klienten weiterarbeiten könnt. Vielleicht ist es tatsächlich eine neue Idee. Vielleicht ist euch aber auch gerade etwas aus dem Seminar wieder ins Bewusstsein geploppt.

Wenn ihr euch nicht mehr erinnern könnt, ob ich das genau so erklärt habe oder ob das überhaupt Unterrichtsinhalt war: Ruft mich lieber an. Es kann eine gute Idee sein, es kann Wissen aus dem Seminar sein – und es kann auch eine suboptimale Idee sein. Dann sprechen wir lieber darüber. Auch dafür ist der lebenslange Support da.“

Und genau diese Anrufe kommen.

„Du Katrin, ich hab da eine Idee. Könnte ich das nicht auch so und so machen?“

Und wenn das etwas ist, was ich tatsächlich genau so im Seminar erklärt habe, muss ich schon grinsen:

„Japp. Sehr gut. Genau so kannst du das machen. Das habe ich dir im Seminar genauso erklärt, darüber haben wir sogar mehrfach gesprochen. Aber es ist einfach so viel Input, dass du es jetzt erst wieder aus deinem Unterbewusstsein präsentiert gekriegt hast – genau in dem Moment, in dem es wichtig ist, dass es dir einfällt.“

Solche Aha-Momente kenne ich natürlich auch.

Und seitdem ich mit Hypnospathie und dem Nautilus-Code arbeite, kommen sie in ziemlich hoher Frequenz.

Diese Momente, in denen plötzlich etwas Klick macht.

Das beobachte ich auch bei meinen Klienten außerhalb der Sitzungen.

Wenn sie nach einer analytischen Sitzung zum nächsten Termin kommen, erzählen sie mir in der Vorbesprechung oftmals ganz beiläufig:

„Ach, und dann ist mir plötzlich aufgefallen … das kann ich ja einfach so machen. Das ging vorher gar nicht.“

Ich sage dann nur:

„Japp. Dein System hat’s verstanden. Du brauchst mich also nicht mehr für jede Kleinigkeit.“

Auch in den Hypnosesitzungen in der Praxis ist es so, dass ich bei den meisten Klienten von Sitzung zu Sitzung immer weniger führen muss.

Entspannte Klientin im Hypnosesessel, Katrin Winkelmann sitzt davor

In der ersten Sitzung unterstütze ich einen Klienten bei der Entspannung noch ausführlich. Für jede Körperregion bekommt er mehrere Sätze, die ihm helfen, hineinzufühlen und diesen Bereich so gut zu entspannen, wie es für ihn gerade gut und richtig ist.

Beim nächsten Mal reichen vielleicht noch zwei oder drei Sätze insgesamt:

„Fühl einmal durch deinen ganzen Körper und richte alles so ein, dass du bestmöglich loslassen und entspannen kannst.“

Und dann halte ich etwas länger die Klappe.

Er macht das alleine.

Er kann es doch schon.

Auch in analytischen Sitzungen habe ich immer mehr Klienten, die ihren Prozess zunehmend selbst führen.

Dann bin ich gedanklich noch bei meiner nächsten Frage und der Klient sagt schon:

„Ich weiß schon.“

„Ich bin schon da.“

„Kann ich schon sagen?“

Ja.

Kannst du.

Manchmal beantwortet er eine Frage, bevor ich sie überhaupt gestellt habe.

Dann lasse ich ihn.

Ich bin da, frage nach, gebe einen Impuls und führe so viel, wie gerade nötig ist.

Und manchmal läuft der Prozess nahezu von alleine – und trotzdem nahezu lehrbuchartig.

Aber nicht nur der Klient lernt mit der Zeit, seinen Prozess immer sicherer selbst zu führen. Auch als Hypnotiseurin habe ich mit der Zeit gelernt, dem Klienten immer mehr Raum dafür zu lassen.

Am Anfang gab mir die Methode die Sicherheit, dass ich den Prozess sicher führen konnte. Und je länger ich mit der Methode gearbeitet und sie nicht nur angewendet, sondern auch gelebt habe, umso mehr Freiheit habe ich genau durch diese Sicherheit bekommen: die Freiheit, den Klienten seinen Prozess immer mehr selbst führen zu lassen.

Je länger ich das intuitiv gemacht habe, desto bewusster ist mir aufgefallen, was da eigentlich passiert.

Das Grundprinzip von Hypnospathie mit dem Nautilus-Code in der freiwilligen mittleren Trance ist:

Der Klient hat die Lösungsverantwortung. Wir Hypnotiseure haben die Prozessverantwortung.

Und genau diese Prozessverantwortung behalte ich auch. Nur bedeutet sie offenbar nicht, jeden einzelnen Schritt selbst führen zu müssen, sondern den Prozess so zu führen, dass der Klient immer mehr davon sicher selbst kann.

Und genau da hat es bei mir Klick gemacht:

Warte mal. Ich nähere mich damit gerade einer Vision, die mir früher mein Lehrmeister erzählt hat.

Er hat irgendwann einmal gesagt, dass es eine Zukunftsvision von ihm ist, dass ein Klient irgendwann so weit ist, dass er das alles alleine kann.

„Irgendwann setzt du deinen Klienten einfach in den Stuhl und lässt ihn machen.“

Diese Vision kenne ich seit Jahren.

Nur habe ich nie verstanden:

Wie kommt man praktisch dahin?

Man kann ja niemanden in seiner ersten Sitzung hinsetzen und sagen:

„So, mach mal.“

Er weiß doch noch gar nicht, wie.

Jetzt glaube ich, den Weg dahin verstanden zu haben.

Ich führe so lange und so viel, wie Führung gebraucht wird. Und sobald der Klient einen Teil des Prozesses selbst sicher führen kann, lasse ich ihn.

Nicht nach einem festen Plan und nicht in einem festgelegten Tempo.

Sondern exakt so schnell, wie sein eigenes System es kann.

Bis vielleicht irgendwann tatsächlich der Punkt kommt, an dem ich nur noch sage:

„Mach deine Musik an. Wenn du denkst, jetzt ist der richtige Zeitpunkt, gehst du in Trance und fängst an. Wenn du mich brauchst, sag Bescheid. Ich bin da.“

Und dann macht er.

Offenbar sind Hypnospathie und Nautilus-Code so nah an den natürlichen Prozessen unserer Psyche, dass das menschliche System diese Arbeitsweise unheimlich schnell adaptiert. Weil sie genau zu dem passt, wie Verhaltensmuster in uns entstehen und demzufolge auch wieder verändert werden können.

Und natürlich geht es mir selbst genauso.

Ich habe damals unzählige Sitzungen von meinem Lehrmeister empfangen und arbeite seit Jahren mit dieser Methode.

Mittlerweile kommen diese Aha-Momente und Klicks im Kopf völlig von alleine – ganz ohne bewusste Selbsthypnose.

Und die Kreise, die sich dabei schließen, werden immer größer.

Genau das fasziniert mich daran bis heute.

Ich freue mich jeden Tag darüber, diese Methode leben und an meine Schüler weitergeben zu dürfen. Und ich liebe es zu beobachten, wie Menschen immer mehr selbst können und ihren eigenen Weg gehen, ohne wegen jeder Kleinigkeit wieder mich zu brauchen.

Habe ich das nun wirklich alles ganz alleine erkannt und verstanden? Oder habe ich es schon lange gewusst, weil es mir irgendwann einmal erklärt wurde und jetzt nur endlich auch in meinem Bewusstsein angekommen ist?

Egal.

Ich schmunzel mir eins.

Und vielleicht grinst ein paar hundert Kilometer von mir entfernt gerade auch jemand und denkt sich:

„Japp. Genau so habe ich dir das erklärt. Wird ja Zeit, dass du es endlich verstanden hast.“

Ich freue mich jedenfalls, dass es jetzt in meinem Bewusstsein angekommen ist.

Und ich kann die Frage endlich beantworten:

Wie viel Hypnotiseur braucht ein Klient eigentlich wirklich?

Immer genau so viel, wie er gerade noch braucht.

Dein nächster Schritt

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